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31.07.2007 kurz vor 24:00

Zwei Stunden zuvor erste Blasenirritationen bemerkt, Bier, ein Liter Wasser, eine Tasse Blasentee und die Wärmflasche zeigen noch keine Wirkung. Und nach dem Schlafen geht's 5 Tage auf Con... Da darf man wohl ruhig mal weinen...

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06.08.07 17:05 und folgende

Meine Mutter hat angerufen. '... ich glaub, die Oma ist tot...'

Das 'ich glaube' war wohl eher eine automatisierte Verharmlosung der Situation. Meine Oma hat's endlich geschafft, jetzt ist ihr wohl, elf Jahre Bettlägrigkeit und Pflege durch die eigenen Söhne und Schwiegertochter, das schleichende Abhandenkommen der Sinne, der Verlust aller Würde, das alles hat sie nun geschafft und meine Familie ist von dieser gerade im letzten Jahr unglaublich harten Bürde befreit. Ein Grund zur Freude, eigentlich der erste Tod, den ich miterlebe, von dem ich wirklich mit Fug und Recht sagen kann: ein Grund zur Freude. Also warum dann weinen?

Vielleicht weil ich Pläne hatte, für diese zwei Tage zuhause, Pläne, die jetzt zerspringen, und sei es aus reiner Pflicht. Vielleicht weil schon wieder jemand meint, er müßte in meinem Urlaub gehen...

Vielleicht weil es schlimm ist, meine Mutter weinen zu hören. Und warum weint gerade sie, die doch am Allerehesten erleichtert sein sollte? Vielleicht fühlt sie sich jetzt schuldig, das sie in letzter Zeit so oft die Geduld verlor... Vielleicht ist es aber auch ganz normal...

Und dann mein Papa und seine Brüder... ich hatte das Gefühl, das mein Papa am liebsten gar niemanden um sich gehabt hätte. Auch mich nicht. Irgendwie verständlich, aber so ein Gefühl hatte ich noch nicht. Nicht so.

Und alle sind da, alle Söhne meiner Oma und ihre Frauen, mein Cousin, alle die am Ort zu greifen sind und kommen konnten, und dann natürlich mein Bruder und seine Frau. Und mein armer Schatz, der sich ganz furchtbar deplaziert vorkommt.

Meine Oma liegt in ihrem Bett, den Kopf fast schon nach hinten überdehnt, die Haut wird ganz gelb, und sie ist friedlich. Der erste Tote, den ich in meinem Leben sehe. Irgendwie hätte ich gedacht, diese Tatsache erschüttert mich mehr...

In der Küche unterhalten sie sich leise, während meine Mutter mit dem Arzt spricht, der nach den gesetzlich vorgeschriebenen zwei Stunden kommt, um den Tod festzustellen. Meine Tante holt ihr Handy raus und zeigt ein Bild von ihrem neuesten Enkel. Die Angeheirateten konnten mich schon immer gut zur Weißglut bringen... Na gut, das ist auch eine Methode, mit den Dingen fertig zu werden, aber muß sie ihre Methode anderen aufdrücken???

Also Flucht nach draußen bevor sie meint, sie müßte mir das Bild jetzt auch zeigen, und ich mache die Tour, die meine Oma immer machte, als sie noch vor die Tür ging, an den Rabatten entlang, im Hof und hinten im Garten, wo sie früher Tomaten zog. Seit diesem Jahr ziehen meine Eltern auch wieder Tomaten, aber auf dem Balkon. Es geht immer weiter...

Die Pietät kommt und sie entscheiden, den Sarg vor die Tür zu stellen und Oma mit dem Bettlacken nach draußen in den Sarg zu tragen. Alle stehen dabei, während sie das tun, dann bekommt sie ein weißes Leibchen übergestreift, aber ihre Hände wollen sich nicht so recht falten lassen.

'Wie oft hat sie einfach nur da gesessen und die Hände gefaltet' sagt meine Mama. Aber jetzt will sie nicht mehr so recht... Dann kommt noch ein schönes Deckchen drüber und alle stehen noch einmal um den Sarg herum, nur meine Schwägerin und mein Mann bleiben abseits.

Der arme Hund rafft überhaupt nicht, was los ist, und wie alle so um den Sarg herumstehen, fängt sie an zu fiepsen.

Dann kommt der Deckel drauf und die Männer von der Pietät und die beiden ältesten Söhne meiner Oma, die in dem Moment auch so furchtbar alt aussehen, helfen, und gemeinsam kommt der Sarg ins Auto. Der Hund läuft zu meinem Onkel und versucht, ihn zu bespaßen, während das Auto geschlossen wird und die letzten Sachen besprochen werden.

Das Auto fährt weg.

'Jetzt haben wir keine Oma mehr', sagt mein Papa.

Und dann ins verwaiste Zimmer und nach den Urkunden suchen, die wir brauchen. Dabei stoßen wir auf Fotos, die meine Oma aufgehoben hat, und die Erinnerungen werden tiefer.

Wieviel hat diese Frau mitgemacht, wieviel erreicht und gerade zu letzt wieviel gelitten. Wie oft hat sie bei einem Sterbefall gesagt: Warum der, warum nicht ich? Wieviel Jahre ist es schon her, das sie sagte: Warum holt mich der liebe Gott nicht zu sich?

Aber jetzt hat er es getan. Ihr ist jetzt wohl und uns wird auch bald wohler... aber nicht gleich. Wäre ja auch schlimm, wenn es so wäre, oder...?

1 Kommentar 22.8.07 15:59, kommentieren

26.08.07 kurz vor dem Mittagessen

Eigentlich hatte ich mich darauf eingestellt nach dem Essen wieder nach hause zu fahren, mal wieder die Geige in die Hand zu nehmen, ein bißchen Handarbeit zu machen und vielleicht noch ein bißchen zu spielen. Aber auf dem Weg zu meinen Eltern fragt mich mein Mann, ob wir danach nicht zum Vilbeler Markt fahren wollen. Ich hätte einfach 'Nein' sagen können. Statt dessen stürzt mich diese - natürlich unglaubliche und dramatische! - Wendung der Ereignisse in einen Gewissenskonflikt, den ich immer noch nicht ganz durch habe.

Ich habe wohl einfach ein Problem mit Spontanität, erst recht, wenn ich mir eigentlich schon Pläne zurecht gelegt hatte und die nicht Wahrnehmung dieser Pläne dann wieder Ketten in Gang setzen könnte. Auf der anderen Seite ist Sonntag und man muß ja auch mal raus, erst recht, wenn man eine so chaotische Wohnung hat. Und dazu kommt dann noch die alte Plage, mit einem 'Nein' die Welt zu enttäuschen...

Das Ende vom Lied war jedenfalls, das ich mich zu erklären versuchte und darüber so in Tränen ausbrach, das ich mich bei meinem Onkel im Haus versteckt habe, bis es vorbei war...

29.8.07 07:15, kommentieren

26.08.07 früher Nachmittag

Die nächste Stufe nach 'Heulen bei den Eltern' ist 'Heulen in aller Öffentlichkeit'. Und an Tagen, wo es sowieso schonmal draußen war und die Nerven blank liegen, klappt das dann umso besser.

 Wir waren auf dem Weg zum Vilbeler Markt und ich 'sollte auch mal was sagen'. Also hab ich das gesagt, was mir im Kopf rumging. Das Jahr ist wieder so verdammt schnell fortgeschritten und die meisten Sachen, die ich mir für mich vorgenommen hatte sind wiedermal hinten runter gefallen. In zwei Wochen ist ein Con auf das ich eigentlich meine Geige mitnehmen wollte. Die, die ich jetzt schon wieder bestimmt einen Monat nicht in der Hand hatte. Natürlich bin ich nicht so weit, hab weder die Ausrüstung (eine Krücke wie einen angemessenen Notenständer, wenn ich schon nicht auswendig spielen kann, was eigentlich in solch einer Umgebung meiner Meinung nach so sein sollte....) noch das Rückgrat und am allerwengisten das nötige Können dazu. Und am Jahresanfang hatte ich es mir vorgestellt...

 Da können einem schon die Tränen kommen...

29.8.07 07:22, kommentieren

29.08.2007 23:00 und später

SCHEISS-HORMONE!!!

Irgendwie hab ichs wieder geschafft, mich in einen richtigen 'Anfall' reinzusteigern, die Sorte Tränen, die nichts bringen außer Taubheit und Kopfschmerzen und sich selbst nähren, immer und immer weiter, wenn man keine Möglichkeit findet auszubrechen oder irgendwann einfach zu müde ist. Das sind dann die Momente, in denen ich mir wage, vorzustellen, was Danny so weit getrieben haben könnte...

Die Hilflosigkeit von meinem Mann endete dann wieder in einem kurzen Aufräumaufbäumen, bis wir uns wieder einigermaßen beruhigt hatten um ins Bett zurückzukrabbeln, wo er uns beide dann noch mit Baldriantabletten abfütterte. Wenn ich die schon vor dem ersten zu Bett gehen genommen hätte, wärs vielleicht gar nicht so weit gekommen... ich glaub nämlich, ich hab danach geschlafen wie ein Baby.

30.8.07 08:33, kommentieren